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Linda Raschke: Erfahrung ist mein Erfolgsgeheimnis (Teil 1)

Traden wie Linda Raschke.

Linda Raschke tradet seit dem Jahr 1981 und ist als Market Wizard aus Jack Schwagers Buchreihe bekannt. Nachdem sie anfangs als Market Maker für Optionen arbeitete, wechselte Linda zum Futures Trading und handelte ab 1992 Managed Accounts und ihren eigenen Hedgefonds. Im Jahr 2015 beschloss sie, in den Ruhestand zu gehen. Doch die Märkte lassen sie nicht los: Auch heute handelt sie von zu Hause aus mit ihrem Privatkonto. Marko Gränitz hat Linda Raschke in Wellington, Florida, besucht und mit ihr über Trading, aber vor allem über ihre Philosophie und ihre professionelle Denk- und Arbeitsweise gesprochen. Herausgekommen ist eines unserer längsten Interviews bisher – seien Sie gespannt!


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Linda, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für dieses Interview nehmen. Sie haben stolze 36 Jahre Trading-Erfahrung – da ist es zugegebenermaßen nicht gerade leicht, die richtige Einstiegsfrage zu finden. Fangen wir einfach damit an: Wie haben sich Ihrer Meinung nach die Märkte in den ganzen Jahren verändert?
Raschke: Die Märkte verändern sich ständig und in der langen Zeit haben sie sich entsprechend deutlich verändert. Ganz entscheidend ist dabei, dass die Märkte heute viel effizienter sind. Dieser Prozess wurde besonders vor etwa 15 Jahren deutlich, als immer mehr Marktteilnehmer schnelles Breitbandinternet zur Verfügung hatten. In der Folge wurden die Bewegungen schneller und die Korrekturen und Konsolidierungen immer verworrener – das Rauschen nahm also zu.

Haben Sie Ihre Trading-Prozesse daraufhin angepasst?
Raschke: Nein, im Prinzip nicht. Vom Grundsatz her mache ich heute alles immer noch genauso wie Anfang der 90er-Jahre, mit dem Unterschied, dass ich heute nur noch mein eigenes Konto handle. Am Vorabend des kommenden Handelstages bereite ich mich vor. Ich möchte am nächsten Morgen möglichst nicht durch irgendwelche Nachrichten beeinflusst werden, sondern meinen Plan durchziehen. Ab 07:00 Uhr sitze ich am Rechner. Den Markt handle und beobachte ich dann bis zum Schlusskurs. Danach gehe ich trainieren oder zu meinen Pferden, um mich zu entspannen und den Kopf frei zu bekommen. Und abends, tja, da handle ich dann auch oft nochmal, zum Beispiel Währungen oder Kupfer. Es ist eben immer irgendwo etwas los.

Die Märkte haben sich also verändert, aber Ihre Prozesse sind immer noch so wie früher. Wie passt das zusammen?
Raschke: Ich bin eine diskretionäre Traderin. Meine Strategien sind nicht in Stein gemeißelt. Die Basics am Markt sind heute ebenso gültig wie früher: Man muss den Trend des jeweiligen Handelstags verstehen, sei es ein Aufwärts-, Abwärts- oder ein Konsolidierungstag, und dann die grobe Handelsidee halbwegs gut umsetzen. Dazu kommt natürlich gutes Risiko- und Money-Management, der Einsatz eines angemessenen Hebels und der wichtige Faktor, es nicht zu kompliziert zu machen. Wer das alles beachtet, wird oft kleine Gewinne und Verluste haben und ab und zu ein „Geschenk“ bekommen, das der Markt überraschend bietet – nämlich dann, wenn es ein Tail-Event gibt und man auf der richtigen Seite steht.

Sie meinen Fat Tails?
Raschke: Ja genau. Die Märkte tendieren dazu, häufiger extreme Ereignisse auszubilden, als man es erwarten würde. Manchmal laufen die Kurse in Trends viel weiter, als man es jemals vermutet hätte. Kein Mensch kann vorhersagen, wie weit es gehen wird, aber man kann auf die Marktbewegung reagieren.

Und wie machen Sie das?
Raschke: Wenn es eine unerwartet starke Bewegung gibt, frage ich mich, ob dies vielleicht ein „Outlier“ sein könnte, also eines der Geschenke des Marktes. Wenn ich bereits investiert bin, frage ich mich, ob ich die Position vielleicht weiter ausbauen sollte, um diese Gelegenheit maximal auszukosten. Auf jeden Fall aber muss man versuchen, die Bewegung so gut es geht mitzunehmen und dem Drang zu widerstehen, schnell den Gewinn mitnehmen zu wollen.

Sie setzen also keine Kursziele?
Raschke:

Richtig. Ich begrenze mein Risiko, aber lasse mir die Chance auf eine große Bewegung in meine Handelsrichtung offen.

Wer bin ich denn, um vorhersagen zu können, wie weit der Markt laufen wird? Niemand kann so eine Prognose treffen. Es geht stattdessen darum, flexibel zu sein und mit dem Markt zu arbeiten – im positiven wie im negativen Fall. Man muss also zugeben können, wenn man falschliegt, und entsprechende Konsequenzen ziehen. Nur so ist es möglich, sich nicht selbst in eine Ecke zu handeln, wo man plötzlich mit dem Rücken zur Wand steht.

Wie erkennen Sie, ob der Markt gerade „läuft“?
Raschke: Die besten Chancen bieten sich oft zu Beginn des Handelstags. Besonders in den ersten 15 bis 30 Minuten schaue ich genau, ob der Markt – insbesondere der S&P Future – Zeichen für die Ausbildung einer Unterstützung oder eines Widerstands gibt. Ganz klare Signale gibt es im Prinzip nie, aber meine Erfahrung ermöglicht mir recht oft einen ziemlich guten Riecher. Zum Beispiel ist der Markt manchmal direkt ab der Eröffnung stark, andere Male macht er einen Pullback und wird dann stark. Hier muss man gut beobachten, flexibel denken und auf subtile Details im Kursverhalten achten. Da macht sich wieder der Wert der Erfahrung bemerkbar, der durch nichts zu ersetzen ist. Das ermöglicht es mir, die Relation der Dinge zueinander zu beurteilen und strategisch gute Schlussfolgerungen daraus zu ziehen. Für diskretionäre Trader kommt es also vor allem darauf an, ein ausgezeichneter Tape Reader zu sein, also das Kursverhalten gut interpretieren zu können.

Handeln Sie immer noch Ihre klassischen Strategien wie Spike & Ledge, Holy Grail und Near Range Seven oder haben Sie diese bis heute weiterentwickelt?
Raschke: Die grundlegenden Strategien funktionieren weiterhin, aber ich sehe die Handelsregeln nicht als in Stein gemeißelt an. Man muss möglichst wenige feste Variablen haben und in der Lage sein, die Kriterien etwas freier zu interpretieren – im Sinne eines Modells anstatt einer fixen Handelsstrategie. Die Märkte wiederholen ihre Muster schließlich nie ganz exakt, sondern immer nur in ähnlicher Art und Weise. Je starrer die Regeln und je mehr Bedingungen es insgesamt sind, desto öfter wird die Umsetzung irgendwo scheitern. Die Strategien und Muster sind also nur zur Orientierung da, um Struktur ins Chaos zu bringen und mir Referenzpunkte zu geben, an denen ich mich orientieren kann. Es sind „Abkürzungen“, mit denen man das Marktverhalten in den entscheidenden Momenten oft richtig beurteilen kann – nicht nur von der Kursentwicklung her, sondern auch anhand des Zeitpunktes innerhalb des Handelstages, an dem diese Bewegungen auftreten.

Auf welchen Zeitebenen handeln Sie?
Raschke: Daytrading, Swing Trading und ein paar längerfristigere Positionen. Seit dem ersten Tag, an dem der S&P Future handelbar war – dem 21. April 1982, habe ich ihn gehandelt. Und zwar aktiv im Daytrading. Heute mache ich etwa zwei bis drei Trades am Tag. Ich konzentriere mich im Daytrading auf diesen Markt, da man nicht ständig mehrere Märkte gleichzeitig intraday handeln kann. Wenn ich um Positionen herum trade, nehme ich je nach Marktentwicklung Kontrakte (oder Aktien, je nachdem) hinzu oder baue die Position ab. Wichtig ist dabei, einen klaren Plan zu haben, damit man nicht anfängt, immer nur dem Markt hinterherzurennen oder die großen Bewegungen zu verpassen.

Handeln Sie auch bei News?
Raschke: Oh ja, sehr gerne! News sind super, da niemand weiß, was passieren wird. Das schafft Volatilität und damit hervorragende Handelsgelegenheiten.

Welche Märkte handeln Sie heute?
Raschke: Fast nur Futures, ganz selten mal Aktien.

Es ist einfach super, wie man bei Futures schnell in den Markt rein- und wieder rausgehen kann.

Ich handle vor allem den S&P 500, US-Bonds, Währungen und Rohstoffe, aber keine Soft Commodities mehr, die sind mir zu erratisch.

Warum kaum noch Aktien?
Raschke: Man kommt nicht mit einem Schlag rein oder raus. Es ist sehr mühsam, sich langsam scheibchenweise in 50er- oder 100er-Blöcken ein Aktienpaket mit beispielsweise 20 000 Stück zusammenzukaufen. Und wenn dann plötzlich etwas passiert, komme ich nicht schnell raus, es ist eher wie ein großer Klumpen.

Sie haben früher als Market Maker mit Optionen gearbeitet, da hatten Sie doch sicher ständig noch viel mehr offene Klumpenpositionen, oder?
Raschke: Ja, durchaus. Allerdings hatte man als Market Maker damals auch einen schönen Vorteil am Markt, weil die Preise noch ineffizient waren. Diesen Vorteil habe ich heute mit einer großen Aktienposition nicht. Ich frage mich also, warum ich mich im elektronischen, schnellen Markt von heute noch mit einer schwerfälligen, in Sachen Ausführungsqualität riskanten Aktienposition herumschlagen soll, wenn ich bei Futures schnell und einfach rein- und rauskomme.

Haben Sie verschiedene Konten, um Ihre Modelle und Strategien mental besser voneinander trennen zu können?
Raschke: Nein, dazu gibt es keinen Grund. Ich handle alles aus einem Konto heraus, das ist am einfachsten. Ich denke, dass man sich nicht verzetteln sollte, nur um sich subjektiv vielleicht irgendwie besser zu fühlen.

Auf welche Indikatoren schauen Sie?
Raschke: Ich denke, dass die meisten Indikatoren fürs Trading überflüssig und nichts als eine Ablenkung sind. Eigentlich reicht es schon, einen einfachen Balken-Chart zu haben und ein paar Trendlinien und Kanäle einzuzeichnen. In einigen meiner Charts sind aber durchaus einzelne Indikatoren drin, wie beispielsweise der Moving Average Convergence/ Divergence (MACD)*, die Rate of Change (RoC)*, Gleitende Durchschnitte (GD)* oder Keltner Channels*. Wirklich erfolgreiche Trader, die mit großen Positionen handeln, schauen aber nicht einfach auf einen simplen technischen Indikator, der ihnen dann sagt, wann sie ein- oder aussteigen sollen. Mal im Ernst: Wer glaubt denn wirklich, dass es so einfach funktioniert?

Wer wirklich gut ist, verrät meist nicht viel. Deswegen können die Einsteiger auch nicht wissen, wie die Profis wirklich traden.
Raschke: Das stimmt. Und im institutionellen Bereich ist es noch viel ausgeprägter. Die besten Trading-Firmen agieren komplett unterhalb des Radars der Öffentlichkeit – und das aus gutem Grund. Schließlich möchte hier niemand im Ansatz verraten, was wann wie gehandelt wird. Das gilt ganz besonders im Quant-Bereich, wo theoretisch alles schnell kopiert werden kann. Über manche Firmen wie beispielsweise Renaissance Technologies ist bekannt, dass sie über Jahre extrem erfolgreich waren und es noch immer sind, aber niemand weiß, was sie eigentlich genau machen. Sonst würde es schließlich auch nicht funktionieren.

Sie haben sich auch mit Handelssystemen beschäftigt, oder?
Raschke: Ich bin ein diskretionärer Trader. Systeme sind grundsätzlich eine gute Sache und sie funktionieren bei entsprechend professioneller Erstellung sicherlich auch gut. Man kann Systeme als eigene Indikatoren verwenden, aber das mache ich nicht. Ich nutze Signale von Systemen auf andere Art und Weise – nämlich so, dass ich mir einen Vorteil erarbeiten kann. Ich habe, wie schon erwähnt, viele einfache Modelle mit nur ein oder zwei Variablen und einem Filter wie dem Handelsvolumen. Diese Modelle sind sehr robust, da sie recht allgemein gehalten sind. Ich denke mich dann in der jeweiligen Situation in ein System hinein, bei dem ich in etwa einschätzen kann, wo der Einstieg und der Stopp liegen würden, wenn der Markt sich wie erwartet verhielte, und dann versuche ich einen besseren Trade zu machen.

Haben Sie dazu ein Beispiel?
Raschke: Es ist im Prinzip ganz einfach. Schauen wir uns den Tages-Chart des USD/JPY an (Bild 1). Innerhalb des kurzfristigen Aufwärtstrends gab es zwei deutliche Abwärtstage. Meist gibt der Markt nicht viel mehr an Gegenbewegung her, sodass ich hier am Folgetag einen Kauftag erwartete, solange der Markt dies nicht widerlegt. Das ist ein schönes, einfaches, allgemeines Modell. Der Markt eröffnete am nächsten Tag bereits mit einem bullischen Gap Up (Aufwärtskurslücke). Das wahrscheinliche Szenario war nun ein höherer Schlusskurs. Im Systemdenken würde das bedeuten, zum Schlusskurs zu kaufen, da dies den bullischen Trend bestätigt. Ich denke mir also: Was wäre, wenn ich an einem solchen Kauftag zum Schlusskurs kaufen würde? Und dann stelle ich das auf den Prüfstand und frage mich: Wie viel besser wäre es dann, bereits jetzt oder im Tagesverlauf noch viel günstiger reinzukommen? Ich denke also: Wow, ich bin ein Genie, ich kann günstiger kaufen als das System zum Schlusskurs. Das klingt vielleicht etwas euphorisch, aber macht den Punkt klar, um den es mir geht. Und wenn es dann tatsächlich zum starken Schlusskurs kommt, wird es am Folgetag sicherlich nochmals eine Anschlussbewegung geben, was in diesem Fall perfekt klappte. Es war insgesamt ein starkes Long-Szenario bei begrenztem Risiko.

Bild 1. Long Trade USD/JPY. Nach zwei Abwärtstagen innerhalb des Aufwärtstrends klassifizierte Linda Raschke in ihrer abendlichen Analyse den folgenden Tag als potenziellen Kauftag. Der Markt eröffnete höher und bestätigte die Idee. Bis zum Schlusskurs zeigte der Markt Stärke, sodass sie den Trade über Nacht hielt und erst am folgenden Tag glattstellte.

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Teil 2 des Interviews.

Lesen Sie mehr über Linda Raschke.


Das Interview führte Marko Gränitz.

Autor Marko Graenitz

Marko Gränitz schreibt Artikel zu Kapitalmarktthemen und führt Interviews mit Tradern. Seit einigen Jahren startet er zudem als Triathlet bei Wettkämpfen. Quelle: Traders' Mag.

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