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Linda Raschke Interview (Teil 2)

Der zweite Teil des hoch interessanten Interviews mit der Händlerin Linda Raschke. Linda Raschke begann Ihre Karriere bereits 1981 als Market Maker. Sie ist seit 1992 als CTA registriert. In 2002 gründete und verwaltete Sie Ihren eigenen Hedgefund, welcher so erfolgreich war, dass Jack Schwager sie für sein Buch „Magier der Märkte“ interviewte. Linda steht für Performance, Dauerhaftigkeit und Konstanz.

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Dieser Gedanke ist hervorragend, um Selbstvertrauen für diskretionäre Entscheidungen zu schaffen. Würden Sie zur Absicherung einen Stopp setzen?
Raschke: Das kann man machen, aber meist bin ich ohne Stopp unterwegs. Was nicht bedeutet, dass ich nicht reagieren würde, wenn der Markt mein Szenario eindeutig widerlegt – zum Beispiel, wenn der Markt bis ans Tief läuft und es durchbricht. Im guten wie im schlechten Fall passe ich mich an und entscheide neu, was nun die richtige Entscheidung ist.

Ganz wichtig sind dabei Zeitstopps. Wenn der Markt nicht bis zu einer bestimmten Zeit anläuft, wird die Position zunehmend riskanter und ich gehe wieder raus. Die besten Trades funktionieren nämlich sofort. Viele Trader denken nicht daran, dass man so auch mit dem Faktor Zeit seine Chancen und Risiken managen kann.

Das klingt einleuchtend. Aber für Einsteiger ist es auch recht komplex, die Märkte so wie Sie zu durchdenken.
Raschke: Mit Sicherheit. Genau deswegen braucht es viel Erfahrung im diskretionären Trading. Das ist der entscheidende Faktor. Und diese Erfahrung zu sammeln, dauert ewig. Oder zumindest viel länger, als man es sich als Einsteiger vorstellen kann. So wie in jedem anderen Beruf. Ein Arzt zum Beispiel muss einfach alles Mögliche gesehen und erlebt haben, um möglichst oft die richtige Antwort oder Handlung zu kennen. Ein erfahrener Arzt ist routiniert – er weiß, was alles schiefgehen kann, aber auch, wie er in den verschiedensten Situationen am besten reagieren sollte. Seine Erfahrung hilft ihm, sich in unsicheren Situationen auf die entscheidenden Details zu konzentrieren und bestimmte Muster zu erkennen, um dann die beste Entscheidung zu treffen. Ein junger Arzt ist demgegenüber vielleicht viel akribischer, aber sobald etwas Unvorhergesehenes passiert oder er mit einer ganz neuen Situation konfrontiert wird, fehlt ihm die Erfahrung, um zu entscheiden, was zu tun ist.

Und das, obwohl der junge Arzt eine hervorragende Grundlagenausbildung hat.
Raschke: Ja, nur machen ihn die Grundlagen allein nicht zu einem hervorragenden Arzt. Vielleicht passt auch ein Vergleich mit dem Sport ganz gut. Jeder Profi, der es weit gebracht hat, entwickelte seinen eigenen Stil. Sei es die spezifische Schlägerhaltung beim Golf oder eine ausgeklügelte Schlag- beziehungsweise Fangtechnik beim Baseball. Ganz ähnlich ist es im Trading. Man muss sich sein eigenes kleines Universum schaffen, sich eigenständig weiterentwickeln und gewissermaßen besessen genug sein, sich jeden Tag stundenlang damit zu befassen, einen Weg zu finden. Irgendwann kann man auf der Basis von Erfahrungen auf eine Bibliothek an Mustern zurückgreifen, die es ermöglicht, in bestimmten Situationen schnell die wichtigsten Details zu identifizieren, auf die es bereits in der Vergangenheit in ähnlichen Situationen ankam.

Letztlich basieren diese Muster aber auch wieder auf Interpretationen.
Raschke: Stimmt, aber mit viel Erfahrung geht das alles sehr schnell und ohne großes Nachdenken. Ein Beispiel: Wenn der Markt eröffnet, ist es entscheidend, herauszufinden, wie der Tagestrend aussehen könnte (falls es überhaupt einen klaren Trend gibt). Ich bekomme ein Gefühl dafür, wenn ich mir anschaue, wie viele Aktien neue Hochs und wie viele Aktien neue Tiefs erreichen und wie sich der Markt im kurzfristigen Zeitrahmen bewegt. Statt aber erst großartig auszuwerten, erkenne ich schnell bestimmte Muster darin, wie sich die Statistiken und Muster kurzfristig verändern.

Der beste Zeithorizont, den man also analysieren kann, ist der aktuelle Realtime-Kurs?
Raschke: Letztlich ist das der niedrigste Zeitrahmen, nichts ist aktueller. Für mein Trading schaue ich auf den 5-Minuten-, 2-Stunden- und den Tages-Chart. Der Tages-Chart ist entscheidend für das Erkennen der Marktstruktur. Zwar gibt es hier je Markt vielleicht nur alle zwei bis drei Monate eine hervorragende Formation, aber dort kann ich dann großes Geld verdienen. Die meiste Zeit handle ich also auf den kleineren Zeitebenen. Wenn ich mich für einen einzigen Zeitrahmen entscheiden müsste, würde ich auf 2-Stunden-Basis analysieren.


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Haben Sie mal einen großen Verlust gemacht, der Ihnen heute noch im Gedächtnis ist?
Raschke: Durchaus. Ich kann mich erinnern, mal 800 Futures-Kontrakte im S&P 500 Short gewesen zu sein. Das war an einem Freitag. Nach dem Schlusskurs wurde die Übernahme beziehungsweise Rettung von Fannie Mae angekündigt und als der Future am Sonntagabend eröffnete, war das Gap fast 40 Punkte gegen mich. Und dennoch habe ich es geschafft, den Monat am Ende mit Gewinn abzuschließen.

Klingt nach einer ziemlichen Katastrophe. Wie haben Sie reagiert?
Raschke: Das Wichtigste ist, niemals emotional zu reagieren. Ich denke immer „businesslike“ und frage mich, was in der jeweiligen Situation zu tun ist – also wie die strategisch richtige Entscheidung aussieht. Man hat am Markt keine Zeit, wegen Verlusten depressiv oder handlungsunfähig zu werden. Es ist ein bisschen wie bei einem Soldaten im Krieg, der auch keine Zeit mit seinen Emotionen verschwenden sollte, wenn ihm die Kugeln um die Ohren fliegen. Er muss stattdessen die richtigen Entscheidungen treffen und agieren. Am Markt geht es zwar „nur“ um Geld und nicht um unser Leben, aber der Vergleich passt ganz gut.

Sie hatten über viele Jahre einen sehr  erfolgreichen Hedgefonds, der auch im Barclay-Ranking ganz oben mit dabei war. Sie müssten schon lange nicht mehr arbeiten, geschweige denn traden. Aber Sie sind immer noch mit viel Energie dabei, sowohl in der abendlichen Vorbereitung als auch meist den ganzen Handelstag über vor Ihren zehn Bildschirmen (wenn ich richtig gezählt habe). Was begeistert Sie so sehr, dass Sie immer noch dabei sind?
Raschke:

Ich trade, weil ich es liebe.

Die Märkte sind wie ein Strategiespiel für mich. Ich mag solche Spiele – vor allem, weil ich weiß, wie man auf lange Sicht gewinnt. Nachdem ich sozusagen in Rente gegangen bin und eine Weile Abstand von den Märkten hatte, dauerte es kaum sechs Monate, bis ich mich langweilte. Also habe ich wieder angefangen. Es ist für mich ein Spiel wie Poker oder Bridge. Es geht dabei nicht ums Geld, sondern darum, auf lange Sicht mit strategisch richtigen Entscheidungen zu gewinnen. Und wenn ich mich entscheide mitzuspielen, dann nehme ich es auch ernst und will erfolgreich sein.

Trading ist also ein Spiel für Sie?
Raschke: Ja. Ich schaue dabei kaum auf den Kontostand. Das würde mich unnötig positiv oder negativ beeinflussen, aber nichts daran ändern, dass ich beim nächsten Trade einfach wieder die richtige Entscheidung treffen muss. Und wenn man immer die richtigen Entscheidungen trifft, dann stimmt die Performance auf lange Sicht einfach. So war das schon zu Zeiten meines Hedgefonds. Zwar bekam ich durch das regelmäßige Reporting die prozentualen Veränderungen mit und wusste, dass wir gut im Rennen liegen. Aber ich habe nie wirklich ausgerechnet oder nachgeschaut, was meine Anteile gerade wert waren. Und das, obwohl ich so ziemlich mein gesamtes eigenes Geld im Fonds investiert hatte. Erst viel später wurde mir bewusst, wie viel es über die Jahre geworden war, auch wegen des Zinseszinseffekts – ich konnte es kaum fassen. Ich war die ganze Zeit über eher selbstkritisch und hatte einfach nicht damit gerechnet, wie gut es laufen könnt.

Sie haben über Jahre nicht gewusst, wie hoch Ihr Vermögen ist?
Raschke: Wir hatten ja die Gebühren des Fonds, die sämtliche Kosten deckten. Und aus den regelmäßigen Reportings wusste ich grob, dass es gut aussieht. Also musste ich mir keine Sorgen machen. Was ich aber ganz sicher regelmäßig machte, war eine Analyse der grundsätzlichen Trading-Statistiken: Die Anzahl meiner Trades, die Trefferquote, meine Positionsgrößen und so weiter. Das hat mir geholfen, immer prozessorientiert zu denken, und darauf kommt es an, wenn man die strategisch richtigen Entscheidungen treffen möchte.

Gefällt es Ihnen inzwischen besser, privat zu traden?
Raschke: Durchaus. Im Fonds gab es viel Papierkram für regulatorische Anforderungen, Details zur Buchführung und Termine mit Anwälten und Investoren. Hinzu kam das interne Personalmanagement. Das alles war sehr zeitintensiv und lenkte mich oft vom eigentlichen Trading ab. Ich handle heute mit kleinerem Risiko, weil ich nicht traden muss, um Geld zu verdienen, sondern weil es mir Spaß macht. Daher kann ich oft auch ohne festen Stopp traden, wobei ich aber immer auch zeitliche Stopps beachte, wenn der Trade nicht anläuft. Bei meinem Hedgefonds war das ganz ähnlich – dort verwalteten wir eine dreistellige Millionensumme und konnten auch nicht einfach Stopps für unsere Trades in den Markt legen, geschweige denn mit einem Schlag ein- oder aussteigen. Letzteres ist heute für mich viel besser, da ich kleiner handle. Ich bekomme also schnellere und bessere Ausführungen. Was mir allerdings fehlt, ist der regelmäßige Dialog mit Kollegen, oder nennen wir sie „Trading Buddies“, mit denen ich auf einer Wellenlänge bin und Sachen austauschen und diskutieren kann. Fernsehen, Webseiten, Chatrooms und so weiter sind da leider keine Alternativen. Zwar habe ich ein paar gute Trading-Freunde in meinem privaten Chat, aber auf Dauer ist es nicht das Gleiche. Man braucht einfach ab und zu einen Sparring-Partner, mit dem man Ideen und Konzepte durchdiskutieren kann. Ich mache das gern und so oft wie möglich, zum Beispiel mit meinem alten Trading-Freund Larry McMillan.

Wie sehen Sie automatisiertes Trading?
Raschke: Das ist ein ganz anderes Business. Dort geht es darum, statistische Effekte im großen Stil auf allen möglichen Ebenen auszunutzen, auf allen Märkten, allen Zeitebenen und rund um die Uhr. Dazu bedarf es einer hochentwickelten Infrastruktur, aber für die besten Firmen zahlt sich das aus – einige haben fast keine Verlusttage.

Was würden Sie Einsteigern empfehlen?
Raschke:

Man muss eigene Erfahrungen sammeln, und zwar mit echtem Geld und nicht auf einem Demokonto. Wer so klein handelt, dass es ihm nichts ausmacht, der lernt nicht wirklich. Wer dagegen zu groß handelt, bekommt schnell Angst und wird emotional, was ebenfalls nicht gut ist.

Während man Erfahrungen sammelt, sollte man stets für neue Ideen offen sein und verschiedene Dinge ausprobieren, das treibt den Lernprozess voran – Trendfolge, Spread Trading, Saisonalitäten, Market Profile und so weiter. Hat man eine Strategie gefunden, die funktioniert und die man sauber umsetzen kann, geht es vor allem um die konsistente Anwendung – und zwar auch dann, wenn es gerade mal nicht ganz so gut läuft. Man kann nie wissen, ob vielleicht schon der nächste Trade zu einem großen Gewinn wird. Der nächste Schritt ist es dann, die entscheidenden Komponenten des eigenen Handelsstils zu extrahieren und den ganzen Rest wegzulassen. Man muss das Minimum an Sachen finden, die man für sein Trading braucht, um den Prozess einfach und schlank zu halten und sich nicht zu verzetteln.

Was ist aus Ihrer Sicht der wichtigste Lerneffekt?
Raschke: Diese Antwort wird vielleicht viele überraschen, aber das Entscheidende ist, was man über sich selbst lernt. Man lernt, wie man unter Druck reagiert, wie man sich bei Gewinnen und Verlusten fühlt und wie man sich verhält, wenn plötzlich unerwartete Dinge passieren.

Trader lernen also am meisten aus schmerzlichen Verlusten?
Raschke: Ich würde nicht von Schmerzen sprechen. Man lernt aus Verlusten. „Schmerzen“ klingt viel zu emotional. Bei einem einzelnen Trade ist es schließlich immer so, dass eine der beiden Parteien verlieren muss. Das ist ganz normal. Selbst dann, wenn man alles richtig macht, muss man verlieren können. Das ist wieder ganz ähnlich wie im Sport, wenn beispielsweise zwei Tennisprofis gegeneinander spielen: In einem einzelnen Match kann es gut sein, dass beide super spielen, aber einer muss verlieren. Man sollte natürlich aus Fehlern und Verlusten lernen, aber das Ganze eher als Datenpunkt sehen, nicht als Schmerz.

Das könnte auch dabei helfen, mental stärker zu sein, weil man Verluste und Fehler nicht persönlich nimmt.
Raschke: Als Trader muss man gerade in schwierigen Phasen immer fest davon überzeugt sein, dass man früher oder später alles wieder zurückholen und zusätzliche Gewinne machen kann. Der Markt wird uns schließlich immer wieder eine neue Chance bieten. Wer aus Erfahrung gelernt hat, wie es geht und an sich glaubt, für den bietet dieses Spiel im Prinzip keine Grenzen.

Empfinden Sie Trading zumindest als anstrengend oder fällt es Ihnen aufgrund Ihrer Erfahrung eher leicht?
Raschke: Man sollte nie denken, dass Trading leicht ist. Ich spüre, dass ich heute weniger Energie habe als früher und ich brauche mehr Schlaf, um am nächsten Tag fit fürs Trading zu sein. In meiner Karriere hatte ich stressbedingt auch viele Jahre lang zu hohe Cortisolwerte, weshalb ich heute Medikamente nehmen muss – deswegen versuche ich, mir mit meinem privaten Trading aktuell keinen unnötigen Stress mehr zu machen.

Empfinden Sie Trading zumindest als anstrengend oder fällt es Ihnen aufgrund Ihrer Erfahrung eher leicht?
Raschke: Man sollte nie denken, dass Trading leicht ist. Ich spüre, dass ich heute weniger Energie habe als früher und ich brauche mehr Schlaf, um am nächsten Tag fit fürs Trading zu sein. In meiner Karriere hatte ich stressbedingt auch viele Jahre lang zu hohe Cortisolwerte, weshalb ich heute Medikamente nehmen muss – deswegen versuche ich, mir mit meinem privaten Trading aktuell keinen unnötigen Stress mehr zu machen.

Was machen Sie abseits der Märkte, zum Beispiel, wenn Sie Urlaub nehmen?
Raschke: Ich fahre gern in den Urlaub, aber habe es in den letzten zehn Jahren leider nur zweimal geschafft, wirklich wegzufahren. Zum Beispiel waren wir erst vor einer Weile in Europa und haben eine Kreuzfahrt auf der Donau gemacht, ein Stück davon auch in Deutschland. Ich brauche im Urlaub etwas Abenteuer, nur am Strand zu liegen, wäre mir viel zu langweilig. Statt in den Urlaub zu fahren, kann ich mich aber auch sehr gut entspannen, wenn ich bei meinen Pferden bin und reiten gehen kann.


Teil 1 des Interviews.

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Das Interview führte Marko Gränitz.

Autor Marko Graenitz

Marko Gränitz schreibt Artikel zu Kapitalmarktthemen und führt Interviews mit Tradern. Seit einigen Jahren startet er zudem als Triathlet bei Wettkämpfen. Quelle: Traders' Mag.

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