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Fibonacci — Berechnung von Extensionen (Thomas May 3)

Extensionen sind Hochrechnungen des Potenzials einer abgeschlossenen oder mehrerer zusammengesetzter Bewegungen . Sie ermitteln künftige Zwischenetappen, Zielbereiche und mögliche Endpunkte von Trends . Ganz nach dem ursprünglichen Prinzip Fibonaccis, Wachstum und Progression mathematisch zu beschreiben, sind die Extensionen das Kernelement, um die Reichweite eines Trends zu ermitteln.

Thomas May

Trader Godmode Thomas May.


Retracements und Extensionen

Berechnung von Extensionen

Bedingung für die Aktivierung von Extensionen ist, dass die Korrekturphase, welche die Bewegung aktuell unterbricht, beendet und der Haupttrend mit einer neuen Bewegung wiederaufgenommen wird.

Wichtig: Bedingung für das Anlegen von Extensionen ist aus meiner Sicht die Anwesenheit einer mindestens 23,6 Prozent umfassenden Korrektur auf diese Handelsspanne. Denn bei einer aktuell laufenden Trendbewegung, bei der die Kurse ohne merkliche Unterbrechungen in eine Richtung steigen oder fallen und Gegenbewegungen nicht einmal das 23,6‑Prozent‑Retracement erreichen, lassen sich keine hinreichenden Aussagen über ihr Potenzial treffen. Es ist ja durchaus denkbar, dass die Bewegung über mehrere Zeiteinheiten (also zum Beispiel mehrere Minuten, Tage oder Wochen) andauert und die Kurse quasi ungebremst weiter steigen oder fallen. Da die Fibonacci‑Methode aber darauf angewiesen ist, auf der Basis einer abgeschlossenen Bewegung zukünftige Kursziele zu berechnen, ist es nicht zielführend, bei einer laufenden Bewegung so zu tun, als sei diese schon beendet.

Zur Ermittlung der Extensionen und ihrer Niveaus im Chart wird eine Han delsspanne mit Faktoren multipliziert und das Ergebnis an den Endpunkt der Handelsspanne abgetragen. Im Chart lassen sich so auf einen Blick Kursziele erkennen und im aktiven Handel als mögliche Niveaus für Gewinnmitnahmen oder zusätzliche Bestätigung für zum Beispiel Trendwendemuster oder andere gegen den Trend gerichtete Setups heranziehen.

Extensionen dienen auch als Signalgeber für die Fortsetzung laufender Bewegungen: Wird ein Extensionsniveau durch eine starke Kursbewegung deutlich überschritten, kommt das nächsthöhere Level als weiteres, in der Zukunft liegendes Ziel infrage.



Bitte beachten Sie, dass in der Vergangenheit eingezeichnete Extensionen einer Strecke ihre Gültigkeit verlieren, wenn die Strecke mehr als 100 Prozent retraced wurde. Sie sollten aus dem Chart entfernt werden, da die ihnen zugrunde liegenden Bewegungen keinen Einfluss mehr auf den Kursverlauf haben und die Marken später für Verwirrung sorgen könnten.

Wie wir bereits gesehen haben, wird durch die Division einer Fibonacci‑Zahl durch die vorherige die Zahl Φ näherungsweise erreicht und zugleich die wichtigste Extension – 1,618 beziehungsweise 161,8 Prozent – für die Anwendung im Börsenhandel ermittelt. Sie stellt das erste relevante Etappenziel eines fortgesetzten Anstiegs oder Kursrutsches dar.

Mit dem Erreichen der Extension bei 161,8 Prozent über dem Endpunkt der Bewegung ist allerdings nur der Fall des normalen Wachstums von einer Fibonacci‑Zahl zur nächsthöheren beschrieben. Das heißt, man kann hier zwar von einer natürlichen Zuwachsrate im System der Fibonacci‑Zahlen sprechen und damit von einer soliden Bewegung ausgehen, jedoch nicht von einem exponentiellen Trendverlauf. Erst wenn eine Bewegung ein höheres Extensionsniveau erreicht beziehungsweise eine Länge von 161,8 Prozent der ersten Bewegung abgetragen am Startpunkt der zweiten Bewegung aufweist, sind die Bedingungen für eine exponentielle Steigung und damit die entsprechende Trenddynamik erfüllt (vgl. Abbildung 6).

Abbildung 6: Extensionen einer Bewegung (links), Beispiel eines linearen Anstiegs an die 161,8-Prozent-Extension (Mitte), Beispiel für einen exponentiellen Anstieg (rechts)

Fibonacci Retracements

Abbildung 7: Beispiel für linearen Anstieg auf 161,8-Prozent-Level im Silberpreis (Tages-Chart).

Fibonacci : Beispiel für linearen Anstieg.

Weitere Extensionen lassen sich wie folgt berechnen:

Teilt man eine Fibonacci‑Zahl durch die vorvorherige – zum Beispiel 55 durch 21 – erhält man die Extension 2,618 beziehungsweise 261,8 Prozent.

Teilt man eine Fibonacci‑Zahl durch die drittletzte – zum Beispiel 55 durch 13 – erhält man die Extension 4,23 beziehungsweise 423 Prozent.

Teilt man eine Fibonacci‑Zahl durch die viertletzte – zum Beispiel 377 durch 55 – erhält man die Extension 6,85 beziehungsweise 685 Prozent, die allerdings in der üblichen Börsensoftware kaum mehr Verwendung findet.

Zusätzlich sind die Extensionen 138,2 Prozent und 200 Prozent gebräuchlich, die sich jedoch nicht über Divisionen großer Fibonacci‑Zahlen berechnen lassen.

Reaktionen an Retracements und Extensionen

Die Anwendung der Fibonacci‑Tools führt dazu, dass im Chart Marken be‑ rechnet werden, die im späteren Verlauf mit Reaktionen in der Kursentwicklung zusammentreffen können. Dieses besondere Verhalten kann sich dadurch ausdrücken, dass an einem Fibonacci‑Niveau eine Korrektur einsetzt oder beendet wird, dass eine Bewegung beziehungsweise ein kompletter Trend an einem solchen Niveau stoppt und, in eine Seitwärtsphase oder einen Trendwechsel übergeht.

Sowohl das Erreichen als auch das Nicht‑Erreichen eines solchen Retracement‑ oder Extensionslevels kann wertvolle Informationen über den weiteren Verlauf liefern. Insbesondere bei Retracements, die ja das Rücklaufpotenzial einer Bewegung anzeigen, hat das Nicht‑Erreichen beziehungsweise das Abdrehen des Kurses vor einem Retracementlevel eine hohe Aussagekraft über die Intaktheit und das künftige Potenzial des Trends.

Mit Retracements lassen sich beispielsweise innerhalb eines neu entstandenen Aufwärtstrends sofort Bereiche ermitteln, die nicht mehr unterschritten werden sollten, um den aktuellen Trend nicht zu gefährden oder gar zu beenden (61,8 Prozent der Bewegung oder Teilbewegung) . Ebenso lassen sich in einem Abwärtstrend die Marken ermitteln, deren Überschreiten das Ende der Baisse einläutet . Dies ist eine zentrale Eigenschaft, die zum Beispiel enorme Vorteile für das Setzen und Anpassen von Stop‑Marken liefert . Zudem werden Retracements mit Fortschreiten eines Trends nachgezogen und passen sich damit dyna‑ misch an die Ausdehnung des Trends an.

Ebenso können Extensionen progressiv genutzt werden: Belassen Sie alle relevanten Extensionen einer bestätigten Anfangsbewegung im Chart, da gerade sie im späteren Kursverlauf wichtige Zielniveaus liefern können (vgl. Abbildung 8). So kann man bereits bei kleinsten Anfangsbewegungen spätere Ziele ermitteln, bevor diese sich im Trendverlauf zu immer größeren Trendkaskaden aufbauen.

Abbildung 8: Extensionen einer initialen Bewegung (blau) am Beispiel der Aktie von Amazon (Wochen-Chart)

Fibonacci Extensionen

Letztlich ist jedes Retracementniveau (wie auch jede Extension) auch ein potenzieller Wendepunkt im Kursverlauf. Allerdings muss klar gesagt werden, dass man nicht den kapitalen Fehler begehen darf, bei Erreichen eines Retracements blindlings in Trendrichtung zu investieren . Denn es handelt sich nur dann um eine Unterstützungsmarke im Trendverlauf, wenn diese nicht gebrochen wird und sich der Trend anschließend mit einer neuen Bewegung fortsetzt. Denn das Retracement an sich ist kein Garant für die Wiederaufnahme des vorherigen Trends, sondern »nur« eine potenzielle Zielmarke, an der man anhand des Verhaltens des Kurses Rückschlüsse auf den weiteren Verlauf ziehen kann.

Der Einstieg sollte daher immer prozyklisch erfolgen, also in dem Moment, da die Korrektur einer Trendbewegung selbst mehr als 61,8 Prozent retraced wurde und somit keine neue Trendphase darstellt.

Anschließend bleibt man in Trendrichtung so lange investiert, bis entscheidende Retracementmarken und zum Trend gehörige Trendlinien gebrochen wurden.

Für Extensionen gilt das Gleiche: Wird eine Extension erreicht, ist dies kein Signal dafür, sofort den Trade zu beenden oder eine Gegenposition einzunehmen.

Denn nach dem Erreichen eines Kursziels kann der Trend zunächst pausieren und der Kurs korrigieren oder in einer zeitlich ausgedehnten Spanne seitwärts laufen, da er vorübergehend seine maximale Ausdehnung erreicht hat. Sobald der Markt neue Kräfte gesammelt hat, kann sich der ursprüngliche Trend jederzeit fortsetzen. Ein verfrühter Ausstieg an einer Extension ist daher ohne weitere Verkaufsgründe wenig sinnvoll.



Falls am Extensionlevel dagegen eine stärkere Kursreaktion in Form einer schar‑ fen Gegenbewegung oder gar Trendwende eintritt, ist diese Extension beziehungsweise die Handelsspanne, die als Basis für ihre Berechnung genutzt wurde, besonders relevant. Das heißt, ihre weiteren Extensionslevel können künftige wichtige Kursziele sein. Daher sollte man die weiteren Extensionen bei so einem »Volltreffer« ebenfalls in den Chart abtragen, um diese künftigen Zielmarken nicht aus den Augen zu verlieren.

Haben Sie dagegen ein Fibonacci‑Niveau ermittelt, das vom Markt ignoriert wird, indem der Kurs direkt über oder unter die Marke ansteigt beziehungsweise einbricht, ist davon auszugehen, dass das nachfolgende Niveau angesteuert wird. Und dies unabhängig davon, ob der Aktienkurs gerade in einer Trendbewegung oder einer Korrektur steckt. Das heißt, sollte der Kurs gerade korrigieren und das erste Retracementniveau bei 61,8 Prozent deutlich unterschreiten, ist die Wahrscheinlichkeit stark erhöht, dass die Kurse weiter in Richtung des nächsttieferen Niveaus bei 38,2 Prozent laufen.

Umgekehrt ruft zum Beispiel ein ungebremster Anstieg über ein Extensionlevel direkt die nächsthöheren Niveaus als potenzielle Zielbereiche auf den Plan.

So kann man mit Extensionen auch Beziehungen zwischen einzelnen Trendphasen herstellen: Treffen die Endpunkte von Bewegungen sehr genau mit den Extensionlevels einer Startbewegung zusammen, kann die gesamte Strecke in eine größere Trendgruppe zusammengefasst und es können damit die Zielbereiche künftiger, zum Teil über Jahre andauernder Trends abgesteckt werden. Im Beispiel aus Abbildung 8 würde man Spannen vom Start der ersten Bewegung (blau) zu den jeweiligen Extensionstreffern (rot) ziehen und auf diese Strecken Extensionen für weiter entfernte Ziele berechnen.



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